Ich war einmal in Sedona. Wahrscheinlich schon zum fünfzehnten mal. Überwältigt von der Märchenlandschaft hatte ich die Vortexes nie so richtig registriert. Oder absichtlich ignoriert? Aber hinter jeder Kurve in Sedona lauern allerdings Hellseher oder Schamanen mit ihren Kristallkugeln und die weisen jeden Touristen auf Kraftorte hin, ob es ihn interessiert oder nicht. Jedenfalls sind sich die Aura-Fotografen und andere Seelenheiler einig, dass diese markante rote Felsenlandschaft in Arizona — mit Namen wie Bell Rock, Cathedral Rock, Thunder Mountain, Elephant Rock, Snoopy, Elders Rock, Kissing Rock, Chimney Rock — gespickt sei mit mysteriösen Energiewirbeln. Viele New Age Pilger trapsen deswegen durch die roten Sandsteingebilde oder waten im idyllischen Oak Creek herum.

Vortex, muss man sich vorstellen, das ist so ein Wirbel, wie wenn man in der Badewanne das Wasser herauslässt. Aber nur ist in dieser Art von Vortex natürlich kein Wasser drin, nur reine Energie. Die zum Teil sogar messbar sei. Wenn sich also die Wacholderbäumchen um die eigene Achse drehen, könnte man einer Vortex auf der Spur sein. So stand es jedenfalls in dem Informationsblättchen der Time Share-Agentur.

Ich wusste ja gar nicht, dass ich wohl schon zum siebten Mal bei der berühmtesten Vortex weilte. Die liegt am Oak Creek genau am meist fotografierten Spot, weil da im Hintergrund der mächtige Cathedral Rock thront. Hingezogen fühlte ich mich dazu schon immer. An diesem einmaligen Plätzchen hat man nichts als schöne Natur und den beruhigenden Lauf des Wassers um sich. Abschalten. Zeit vergessen. Ins Wasser tauchen. Aber hat die Vortex nun meine Ansicht von diesem erholsamen Ort geändert? Was ist, wenn ich dort beim nächsten Mal irgendwie verstrudelt werde? Ich glaube es kaum.

Bei der Felsenkapelle (Chapel in the Rocks) dachte ich schon, dass sich mein Innerstes bewegt hatte. Kunststück! Geblendet vom gleißenden Wild West-Licht lief ich gleich dem mexikanischen Erzengel Miguel in die Arme. Die ewig hochstrebenden Wände auf beiden Seiten des engen Raumes zwangen den Blick nach vorne in die majestätische Felslandschaft. Die eigenen Energiewellen—da habe ich so etwas wie Radar eingebaut—reflektierten von den Betonwänden beiderseits zurück. Da dachte ich schon, dass energiemäßig etwas bei mir abläuft. So sagte mir der Kloß im Hals, der mich beinahe zu Tränen rührte. Bis mir der Kerl vom Filmmuseum eröffnete, dass das gar keine Vortex war. Wahrscheinlich bin ich nur extrem katholisch.

Jetzt aber erst recht! Die Vortex beim Sedona Flughafen-Mesa ist als die stärkste bekannt. Nichts wie hin. Zum Parken gibt es da wenig Gelegenheit, aber bei Gelegenheit findet man eine Lücke. Also, in Strandpantoffeln sollte man diese Vortex lieber nicht suchen gehen, weil es dort felsig-glatt ganz steil hoch geht. Aber nur kurz. Und dann hat man den allerherrlichsten Ausblick der Welt vor sich, rundum herum. Nichts als Märchenberge und Feentäler. Und dieser erfrischende Wind. Reinstes Nirvana schnuppern. Hätte ich nur Mann und Kinder zu Hause gelassen. Nee, das ist mir zu gefährlich, jammerte mein Teenie. Schnellstens nach oben, folgerte ihre kleine Schwester, die Bergziege. Hey, weg da vom Abgrund, rief mein furchtsamer Mann. Susie wollte unbedingt in die Vortex, aber da ging es hundert Meter geradewegs in die Tiefe.

Wie sollte man da die Vortex spüren? Nach den ersten paar Minuten der Aufregung setzten wir drei uns vorsichtig an den Rand der Klippe. Es war genau mein Geburtstag. Na also. Man hätte keine traumhaftere Landschaft malen können. Der Hummer-Fahrer von der Geländetour hatte uns von Thundermountain erzählt. Fünfhundert Blitze schlagen da pro Jahr ein. Walt Disney hatte diesen, zur Abwechslung mal weiß-grauen Sandstein-Berg, zur Vorlage für eine Achterbahn in Disneyland genommen. Been there, done that. Schauen, nur schauen. Davon konnte ich nicht genug kriegen. Rote Felsen, blauer Himmel, weiße Wolken, ozeanisch-grünes Gehölz. Dazu der frische Wind. Wenn das nicht erhebend war! An so einem einmaligen Platz lasse ich mich gern von einem Gefühl der Großartigkeit überschwemmen. Obwohl, das eigentliche Zentrum der Vortex lag etwas links von uns noch dreißig Meter tiefer.

Aber das war mir zu weit. Gut, dass ich schon fest auf dem Hintern saß. Denn in meinen Waden, die dem Abgrund am nächsten waren, stieg ein kribbelndes Gefühl hoch. Ungefähr so, als ich gerade nicht mehr verhindern konnte, dass Susi sich mit dem Tomatenmesser vor meinen entsetzten Augen in den Finger schnitt. Und in meinem Magen setzte eine Leichtigkeit ein, wie ich sie im Teenager-Alter als Flausen empfand, so in der Kirche mit all dem Weihrauch kurz vor dem Umkippen, aber bei weitem nicht so stark, nur so ähnlich. Im Kopf allerdings ging es mir ein bisschen wie Thundermountain-Achterbahn in Disneyland. Vielleicht war ich nur nicht schwindelfrei? Oder war es doch die Vortex. In diesem Falle hätte ich gute Aussichten auf einen Energienachschub. Das könnte nicht schaden.


This entry was posted in America, Arizona, travel & tourism and tagged , . Bookmark the permalink.